Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Was ist Diskriminierung?

Was wird unter Diskriminierung verstanden?

Rechtlich wird in Deutschland unter Diskriminierung im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (kurz: AGG)    eine Benachteiligung von Menschen aufgrund eines schützenswerten Merkmals ohne sachliche Rechtfertigung verstanden.

Die Benachteiligung kann mittelbar oder unmittelbar sein. Das schützenswerte Merkmal tatsächlich oder zugeschrieben. Es stellt einen wesentlichen Bestandteil der Persönlichkeit dar, ist schwer bis nicht veränderbar und Bestandteil gesellschaftlicher Machtstrukturen. Die Benachteiligung kann sachlich nicht gerechtfertigt werden – es handelt sich weder um einen Nachteilsausgleich oder eine positve Maßnahme noch um eine wesentliche und entscheidende Anforderung zur Ausübung einer Tätigkeit.

Schaubild: Was ist Diskriminierung?

Schaubild: Was ist Diskriminierung?

Schaubild: Was ist Diskriminierung?

Welche Arten von Diskriminierung gibt es?

Ebenen von Diskriminierung

Diskriminierungen können auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Zum Beispiel:

gesellschaftliche Ebene (Ideologie)in Medien und Alltagsgesprächen transportierte ideologische Vorstellungen, Bezeichnungen und Bilder über Normalität und Abweichungen; Repräsentationen; Klischees; Vorurteile
Strukturelle Ebene (Institutionalisierung)Diskriminierungen als Ergebnis des Handelns von Organisationen, Unternehmen oder Verwaltungen aufgrund von Gesetzen, Verordnungen, Handlungsanweisungen, Routinen oder Unternehmenskultur
individuelle Ebene (Interaktion)eine Person diskriminiert eine andere Person aus eigenen Beweggründen
internalisierte Ebeneeine Person wertet sich selbst aufgrund eines Diskriminierungsmerkmales ab (z.B. Selbstzweifel)

Diskriminierungsmerkmale

Diskriminierungen lassen sich hinsichtlich der Merkmale, auf die sie sich beziehen, unterscheiden. An der MLU sind Diskriminierungen aufgrund folgender – auch im AGG    genannter – geschützter Merkmale nicht gestattet:

  • ethnische Herkunft
  • Geschlecht
  • Religion oder Weltanschauung
  • Behinderung
  • Alter
  • sexuelle Identität

Diese Merkmale beziehen sich auf wesentliche Persönlichkeitsmerkmale und können nicht beliebig geändert werden.

Je nachdem auf welches Merkmal sich Diskriminierungen beziehen, können sie begrifflich differenziert werden. Zum Beispiel:

  • Ein Mann wird diskriminiert, weil er Jude ist. (= Antisemitismus)
  • Eine Frau wird diskriminiert, weil sie eine Frau ist. (= Sexismus)
  • Ein Mann wird diskriminiert, weil er schwul ist. (= Homofeindlichkeit)
  • Eine Frau wird diskriminiert, weil sie im Rollstuhl sitzt.
    (= Behindertenfeindlichkeit)

Für eine Diskriminierung ist es irrelevant, ob ein Merkmal tatsächlicher oder bloß zugeschriebener Art ist. So handelt es sich z.B. auch dann um eine rassistische Diskriminierung, wenn ein sogenannter "Migrationshintergrund" von der diskriminierenden Person nur fälschlicher Weise angenommen wird.

Diskriminierungen können sich auch auf ein Zusammenwirken mehrerer Merkmale beziehen. Dann wird von Mehrfachdiskriminierung gesprochen. Zum Beispiel:

  • Einer Wissenschaftlerin wird im Anschluss an ihre Promotion eine Stelle in einem Forschungsprojekt verwehrt, da angenommen wird, in ihrem Alter sei ein Kinderwunsch von großer Dringlichkeit und daher mit einem baldigen längerfristigen Ausscheiden aufgrund von Elternzeit zu rechnen. (= Diskriminierung aufgrund des Zusammenwirkens der Merkmale Geschlecht und Lebensalter)

Mittelbare und unmittelbare Diskriminierung

Des Weiteren kann zwischen mittelbaren und unmittelbaren Diskriminierungen unterschieden werden. Eine unmittelbare Diskriminierung liegt vor, wenn eine Person eine weniger günstige Behandlung als eine Vergleichsperson erfährt, erfahren hat oder erfahren würde. Kurz: Gleiches wird ungleich behandelt. Ein Beispiel:

  • Ein ausländischer Student hält gemeinsam mit einem deutschen Kommilitonen ein Referat. Der Kommilitone wird deutlich besser bewertet als der ausländische Student, obwohl ihre Leistungen gleichwertig sind.

Eine mittelbare Diskriminierung liegt vor, wenn Vorschriften scheinbar neutral sind, aber in der Anwendung zu einer ungünstigen Behandlung einer bestimmten Personengruppe führen. Kurz: Hier wird Ungleiches (im Sinne von ungleichen Voraussetzungen) gleich behandelt. Ein Beispiel:

  • Eine Studentin kann aufgrund einer Behinderung nicht so schnell schreiben wie ihre Mitstudierenden, muss die schriftlichen Prüfungen aber in der selben Zeit absolvieren wie alle anderen.

An der MLU sind mittelbare wie auch unmittelbare Diskriminierungen nicht gestattet.

Ist jede Benachteiligung eine Diskriminierung?

Benachteiligungen können gemäß AGG    auch sachlich gerechtfertigt sein. Dann sind sie nicht als Diskriminierung zu verstehen. Folglich ist nicht jede Benachteiligung auch eine Diskriminierung.

Eine sachliche Rechtfertigung besteht, wenn es sich um eine Fördermaßnahme zum Ausgleich einer bestehenden Benachteiligung handelt ("positive Maßnahme") oder das Kriterium für die Ungleichbehandlung für eine auszuübende berufliche Tätigkeit eine wesentliche und entscheidende Anforderung darstellt. Zum Beispiel:

  • Eine Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten sucht in einer Stellenausschreibung für die Beratungstätigkeit nach einer Person einer bestimmten ethnischen Herkunft, da diese eine wesentliche Voraussetzung dafür sein kann, dass ein für die Beratung wichtiges Vertrauensverhältnis entstehen kann. Dies stellt keine Diskriminierung dar.
  • Ein Mann ohne Behinderung bewirbt sich auf eine Stelle an einer Universität. Obwohl er genauso für die Stelle qualifiziert ist wie sein schwerbehinderter Mitbewerber, erhält er die Stelle nicht. Dies stellt keine Diskriminierung dar.

Zwar kann jede Benachteiligung, Beleidigung oder verletzende Handlung für die betroffene Person unangenehm sein, doch stellt nicht jeder Konflikt auch eine Diskriminierung dar. Diskriminierung bezieht sich stets auf schützenswerte Merkmale, die wesentlich zur Persönlichkeit gehören, nicht beliebig veränderbar und Bestandteil gesellschaftlicher Machtverhältnisse sind. Zum Beispiel:

  • Eine Studentin sagt über einen Kommilitonen: "Menschen, die Heavy Metal hören, sind doch eh zu dumm zum Studieren." Dies ist beleidigend, kann den Kommilitonen verletzen und zu einem Konflikt zwischen den beiden führen. Der Musikgeschmack ist aber kein geschütztes Merkmal und die Aussage der Kommilitonin keine Diskriminierung.

Was hat Diskriminierung mit gesellschaftlichen Machtstrukturen zu tun?

Diskriminierung beruht auf der Behauptung von Unterschieden zwischen Menschengruppen, die zur Rechtfertigung von benachteiligender Ungleichbehandlung genutzt werden. Es geht daher nicht um vereinzelte individuelle Meinungen, Ängste oder Abneigungen, sondern um grundsätzliche Ressourcen und Möglichkeiten zur Teilhabe innerhalb einer Gesellschaft, die nicht gleichberechtigt allen Mitgliedern der Gesellschaft offenstehen. Auch wenn die Unterscheidungen, die eine Diskriminierung behauptet, nicht real sein müssen, handelt es sich bei den Folgen der Diskriminierung für die betroffene Person immer um etwas Reales.

Mithilfe von Diskriminierungen wird die Grenze zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten, zwischen „normal“ und „abweichend“ markiert und bestimmten Menschengruppen pauschal negative Eigenschaften zugeschrieben, die begründen sollen, warum sie benachteiligte soziale Positionen einnehmen. Die individuelle Situation wird dabei vernachlässigt und der einzelne Mensch nur als Vertreter einer vermeintlich einheitlichen sozialen Gruppe gesehen.

Kurz: Es wird die Homogenität anderer Gruppen behauptet („Ihr seid alle gleich.“), wohingegen man sich zwar selbst auch als einer Gruppe angehörig betrachtet ("Wir"), aber sich dennoch auch als Individuum wahrnimmt ("Ich"). Beide Gruppen werden einander polarisierend gegenübergestellt („Die sind anders als wir.“) und hierarchisch angeordnet („Wir haben mehr Rechte als die anderen.“). Diese Hierarchisierung wird schließlich durch vermeintliche Merkmale der vermeintlich homogenen Gruppe begründet („Wir müssen mehr Rechte als die anderen haben, weil die anderen alle die Eigenschaft XY haben.“). Die eigene Gruppe wird damit aufgewertet und die vermeintlich andere Gruppe abgewertet und die behauptete Andersartigkeit als Begründung für die Ungleichbehandlung genutzt. Dadurch erscheint die Ungleichbehandlung als nicht ungerecht sondern begründet. Häufig wird dabei mit der Zuschreibung von vermeintlich natürlichen und unveränderbaren Eigenschaften verfahren.

Zum Beispiel:

  • „Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind unnatürlich, da sie keine Kinder zeugen können, deshalb sollten sie auch keine Kinder adoptieren und großziehen können.“
  • „Frauen haben andere Gehirne als Männer, deshalb sollten sie nicht Wissenschaftlerinnen werden, sondern sich um die Kindererziehung kümmern.“

Bei Diskriminierungen handelt es sich also nicht nur um vereinzelte Beleidigungen, es kann um sehr existenzielle Dinge gehen. Sie können auch so weit gehen, dass als einheitlich behauptete Gruppen von Menschen ihr Menschsein gänzlich abgesprochen wird. Neben Hassverbrechen von Einzeltätern oder -täterinnen kann dies auch durch größere Institutionen geschehen. Auch in der Geschichte der deutschen Gesellschaft ist dies wiederholt geschehen, z.B. waren Diskriminierungen ein Element bei der Versklavung von Menschen afrikanischer Herkunft im Kolonialismus oder der Ermordung von jüdischen Menschen und Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus.


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